Kontraproduktive „Entlastungen“ in der Oberstufe – konstruktive Zusammenarbeit mit Schüler*innenvertretungen – Planungen für mehr gemeinsames Lernen auf Bundes- und Landesebene
Nach den Kürzungen des vergangenen Jahres ist das Arbeiten an unseren Gemeinschaftsschulen nochmals schwieriger geworden. Auch in der Oberstufe wird nun der Rotstift angesetzt – teils im Sinne dringend notwendiger Entlastungen, denn bis zu 36 Schulstunden pro Woche (so in einigen Profilen in Jahrgangsstufe 12) waren definitiv zu viel. Dass aber das Fach Geschichte in Jahrgang 11 auf nur noch eine Wochenstunde zusammengestrichen wird, ist absurd und zumal vor dem Hintergrund zunehmender Defizite in Erinnerungskultur und Demokratiebildung nicht zu vertreten. Das meint bereits die Gymnasien – wirkt sich aber an den Oberstufen von Gemeinschaftsschulen, die häufiger mit der Fachhochschulreife nach der 12. Klasse verlassen werden, nochmals gravierender aus. Auch der Übergang aus dem (richtigen und wichtigen) Verbundfach Weltkunde in Unter- und Mittelstufe erscheint unnötig erschwert. Einmal mehr wurde, wie schon bei einigen Neuerungen der letzten Jahre, nicht an die Schulen des gemeinsamen Lernens gedacht! Ähnlich verhält es sich mit geplanten Untergrenzen für Profilkurse in der Oberstufe, die an Gemeinschaftsschulen schwieriger als an den meisten Gymnasien zu erreichen sind. Kombi-Kurse zwischen mehreren Schulen sollen hier eine Lösung bieten, sind aber schulorganisatorisch nicht leicht einzurichten.
Gerät die Vielfalt unserer Oberstufen in Gefahr? Eigentlich bedürfte es ja gerade einer Ausweitung von Bildungschancen in Schleswig-Holstein, das in den vergangenen Jahren im Bundesvergleich ja immer weiter abgesackt ist. Aber bei höheren Bildungsabschlüssen denkt die Landesregierung offenbar weiterhin allein ans Gymnasium.
Ein anderer massiv kontraproduktiver Eingriff kommt von der Bundesebene: Nach dem Willen der KMK sollen in Fächern, in denen pro Halbjahr zwei Klausuren vorgesehen sind, diese schriftlichen Leistungen ab der Eingangsstufe 2027 nunmehr 50% der Note ausmachen. Dies läuft direkt konträr zur hohen Bedeutung, die an Gemeinschaftsschulen seit jeher der mündlichen Beteiligung und den gleichwertigen Leistungen beigemessen wird. Es läuft auch konträr zur Notwendigkeit, das Abitur zukunftsfähig zu reformieren, den traditionellen Fächerkanon aufzubrechen und praktische Anteile in die höheren Abschlüsse mit aufzunehmen (vgl. Potsdamer Erklärung). Im Ergebnis werden Bildungswege wieder verengt statt erweitert – „kollateral“ oder sogar absichtlich?
Bei den schleswig-holsteinischen Schüler*innen-Vertretungen hingegen wird bereits zukunftsfähig statt rückwärtsgewandt gedacht. Ein Treffen von GGG mit Vorsitzenden der LSV am 17. Dezember 2025 ergab weitgehende Übereinstimmung in unseren Bildungszielen – und dies trotz der unterschiedlichen Schulformen. In Schleswig-Holstein bilden diese, anders als in anderen Bundesländern, zunächst getrennte Vorstände, treffen sich aber regelmäßig zu Austausch und gemeinsamen Beschlüssen. Was allzu umständlich erscheinen könnte, hat seinen guten Sinn, da auf diese Weise alle Schulformen einschließlich der Förderzentren bis in die Landesspitze gleichermaßen abgebildet werden. Solange in deutschen Bundesländern leider ein segregiertes Schulsystem existiert, eine gerechte Form der Repräsentation!
Nach konstruktiven Gesprächen vereinbarte die GGG eine regelmäßige Zusammenarbeit und auch, wo immer möglich, gemeinsame Positionierungen und Pressemitteilungen. Bald also mehr davon!
Schleswig-Holstein beteiligt sich intensiv an Planungen, dem Positionspapier der GGG öffentliche Geltung und politische Wirkung zu verschaffen. Bei der Vorstandssitzung im Januar einigten wir uns auf die Punkte „inklusives Schulsystem“, „Oberstufenangebot an jeder Gemeinschaftsschule“ und eine „Kultur des Behaltens – gegen Abschulungen“ als zentrale Forderungen. Im Sinne des zukunftsfähigen Abiturs (s. zuvor) befürworten wir auch einen flexibler gestalteten Unterricht in der Sekundarstufe II; und da ohne Geld und Personal bekanntlich nichts läuft, setzen wir uns intensiv für eine aufgabenadäquate Personalversorgung und eine Neuausrichtung der Lehrkräfteausbildung ein.
Diese Leitlinien werden wir in alle anstehenden Gespräche mit Politiker*innen einbringen, in „Prüfsteine“ zur Landtagswahl 2027 umsetzen und auch für die Veranstaltungsplanung der GGG auf Bundesebene im Kopf behalten!
Dr. Cornelia Östreich