Die GGG setzt sich für eine gemeinsame Schule für alle ein. Solange es aber ein gegliedertes Schulsystem in der Sekundarstufe I gibt, wird in diesem System die „Abschulung“ praktiziert. Dies führt immer zu negativen Begleiterscheinungen für das Individuum als auch für die im gegliederten Schulsystem aufnehmenden Schulformen. Insbesondere im zweigliedrigen System (Gymnasium/Gesamtschule) entstehen große Probleme.
Statt dieses mit Regelungen wie zum Beispiel in Hamburg scheinbar aufzufangen, plädiert die GGG Niedersachsen für eine „Kultur des Behaltens“ im gegliederten System, bis eine gemeinsame Schule für alle Realität wird (hier das Positionspapier als PDF):
Eine „Kultur des Behaltens“ etablieren
1. Ausgangslage
In Niedersachsen existiert weiterhin ein gegliedertes weiterführendes Schulsystem. Wenn Schüler*innen den jeweiligen Anforderungen nicht genügen, ist in diesem System ein Wechsel nach unten (Abschulung) nach wie vor verbreitete Praxis.
Eine solche Abschulung steht jedoch zunehmend in der bildungs- und sozialwissenschaftlichen Kritik:
2. Forschungserkenntnisse
- Schulformwechselstudien in Deutschland zeigen, dass ein Großteil der Wechsel tatsächlich Abschulungen sind und die Betroffenen im weiteren Verlauf schlechter abschneiden als Peer-Gruppen, die nicht abgeschult wurden.
- Schulformwechsel nach unten („Abschulung“) haben häufig keinen Leistungsvorteil und sind mit negativen Begleit- und Folgewirkungen verbunden – etwa geringere Abschlussquoten, höhere Schulabbruchwahrscheinlichkeit und verschlechterte psychosoziale Outcomes.
- Frühes Tracking bzw. eine sehr frühe und rigide Aufteilung in Schulformen stärkt die Wirkung sozialer Herkunft auf Bildungserfolge – Abschulungen wirken in diesem System oft als Verstärker sozialer Ungleichheit.
Fazit: Eine Abschulung kann kurz- und mittelfristig wie ein „Rettungsanker“ erscheinen, führt aber empirisch eher in einen Risikoprozess. Stattdessen spricht sich die Forschung für eine Förderung des Verbleibs mit unterstützender Organisation aus.
3. Zielsetzung
Ziel soll sein, eine Strategie zu etablieren, die in allen weiterführenden Schulen Niedersachsens eine „Kultur des Behaltens“ fördert – also Schulen systemisch, organisatorisch und personell befähigt, Schüler*innen im Schulformsetting zu halten, ihre Entwicklung nachhaltig zu fördern und Schulformwechsel nach unten zu vermeiden.
4. Strategie-Empfehlungen
Nachfolgend werden Empfehlungen für vier Handlungsfelder dargestellt:
A. Daten- und Steuerungsebene
- Einführung eines Monitorings zu „Abschulungen“ im MK: Gesammelt werden Daten zu: Ausgangsschulform, Zielschulform, Zeitpunkt des Wechsels, Grund des Wechsels (Schulleistung, eigener Wunsch, Beratung etc.), weitere Schullaufbahn.
- Aufbau eines Frühwarnsystems auf Schulebene, das Daten zu Fehlzeiten, Leistungsentwicklung etc. regelmäßig (nicht erst am Ende des jeweiligen Halbjahres) erfasst. So werden Schulen in die Lage versetzt, eine Kultur des Hinsehens und der gezielten Unterstützung zu entwickeln – insbesondere dort, wo diese weder durch langjährige Tutoriatsbegleitung noch durch eine verlässliche Zusammenarbeit in multi-professionellen Teams ausreichend etabliert ist.
B. Schul- und Unterrichtsorganisation
- Systematisierung von Binnendifferenzierung, Lern-Coaching, Elternberatung und weiteren Unterstützungsangeboten für Risikoschüler*innen.
- Etablierung alternativer innerschulischen Abschlusspfade („zweiter Bildungsweg im Schulhaus“): Keine Schule bereitet ausschließlich auf das Abitur vor. An allen Schulen werden auch klar strukturierte Wege zu den Abschlüssen der Sekundarstufe I angeboten.
C. Professionalisierung und Veränderung der Haltungen
- Fortbildungsprogramme für Schulleitungen und Lehrkräfte zur Förderung einer inklusiven, leistungsheterogenen Didaktik, Diagnostik und Risikoprävention („Kultur des Behaltens statt Abschulung“).
- Ausbau der Schulsozialarbeit und psychologischen Beratung an weiterführenden Schulen: Sozial- und Verhaltensaspekte bewusster wahrnehmen und bessere Unterstützung in Krisensituationen anbieten.
C. Anreiz- und Finanzierungsstruktur
- Finanzielle Fördermittel für Schulen, die durch besondere Unterstützungsmaßnahmen Risikoschüler*innen erfolgreich im System halten. Jede weiterführende Schule erhält Ressourcen für Präventionsprogramme, die darauf zielen, Abschulungen zu vermeiden.
- Förderung von schulartenübergreifenden regionalen Netzwerken mit gemeinsamen Förder- und Übergangsplanungen: Ziel könnte z.B. sein, Schülerwechsel im größeren Umfang mit Lehrerabordnungen zu verknüpfen.
5. Implementierung und Monitoring
- Pilotphase (18–36 Monate): Auswahl von 6 – 10 Modellkommunen in Niedersachsen (städtisch und ländlich), Start der oben genannten Maßnahmen und parallele Evaluation durch Hochschule oder Forschungsinstitut.
- Nach 3 Jahren: Auswertung auf Landesebene, ggf. Anpassung
6. Erwarteter Nutzen
- Reduktion von Schulformwechseln nach unten, damit geringere Bildungs- und Berufsrisiken für betroffene Jugendliche.
- Erhöhung der gleichberechtigten Bildungschancen, insbesondere für Schüler*innen mit Risikomerkmalen (z. B. Bildungsverzögerungen, Migrationshintergrund, sozio-ökonomische Benachteiligung).
- Stärkung der Glaubwürdigkeit weiterführender Schulen als Lern- und Entwicklungsorte für alle Kinder.
- Langfristige Kosteneinsparungen durch geringere Abbruchquoten, weniger Nach-/Parallelförderung und bessere berufliche Integration.
7. Schlussbemerkung
Eine „Kultur des Behaltens“ ist kein symbolisches Schlagwort, sondern eine bildungs- und sozialpolitisch notwendige Strategie. Sie zielt darauf ab, Abschulungen – als häufig suboptimale Lösung – zu vermeiden und stattdessen gezielt Ressourcen zur Verfügung zu stellen, damit alle Schülerinnen und Schüler in ihrer weiterführenden Schule wachsen können. Mit den vorgeschlagenen Maßnahmen kann Niedersachsen Vorreiter werden – nicht nur bei der Daten- und Steuerungsinnovation, sondern bei der echten Umsetzung chancengerechter Bildung.
8. Quellen
- Maastricht University Press: Summary of Predictors and Effects of Grade Retention in Europe (2025)
- Early tracking and socioeconomic inequality in academic achievement: Studying reforms in nine countries (2018)
- Landesschülerrat Niedersachsen: Gymnasien müssen Verantwortung für alle Abschlüsse übernehmen – Schulformen gerecht entlasten! – Gymnasien sind mehr als nur der Weg zum Abitur! (4.4.25)
- The Effects of Early Tracking on Student Performance: Evidence from a School Reform in Bavaria (2013)
- Bertelsmann Stiftung: „Schulformwechsel in Deutschland“ (2012)
- Niedersächsisches Kultusministerium: Statistik der allgemeinbildenden Schulen in Niedersachsen (15.8.24)
- GEW zur Abschulung vom Gymnasium in die Stadtteilschule: „Konstruktionsfehler des Zwei-Säulen-Modells“ (10.7.24)
- Wie viele Schüler*innen wechseln vom Gymnasium an die Stadtteilschule? (5.2.2025)
- LUDGER WOESSMANN: INTERNATIONAL EVIDENCE ON SCHOOL TRACKING: A REVIEW