Im Herbst vergangenen Jahres hatte die SPD-Fraktion im Kieler Landtag eine sehr detaillierte und umfangreiche Große Anfrage zur Situation an den 136 schleswig-holsteinischen Gemeinschaftsschulen ohne Oberstufe gestellt. An der Erarbeitung dieser Anfrage war die GGG mit Ergänzungen und der Präzisierung mancher Aspekte beteiligt gewesen. Mitte April lag die Antwort der Landesregierung dann vor und wurde seitdem – zumindest auszugsweise – auch in der Presse vorgestellt.
Das gesamte Dokument umfasst knapp 400 Seiten, davon fast 250 Seiten statistischer Anhang. Allerdings kommen die dort vorgelegten Zahlen oftmals als „Rohdaten“ daher, aus denen allein manche Sachverhalte nicht recht deutlich werden – oder werden sollen? So mussten die beiden GGG-Vorsitzenden Johann Knigge-Blietschau und Cornelia Östreich erst noch Vergleichszahlen und Prozentwerte errechnen, bevor auf einer Veranstaltung mit Schulleitungen, die am 24. April in Neumünster stattfand, die Realitäten diskutiert werden konnten.
Hauptbefund: Gemeinschaftsschulen ohne Oberstufe sind starke Systeme, aber sie bekommen nicht, was sie brauchen.
Die Große Anfrage ergab, dass diese Schulen anspruchsvolle pädagogische Konzepte verfolgen, um ihre Schüler*innen vielfältig zu bilden, von intensiver Berufsorientierung über interkulturelle Projekte bis hin zu Wettbewerben und Schulpreisen. Vor allem sind sie es, die ganz wesentlich für die Integration von zugewanderten Schüler*innen durch DaZ-Zentren sorgen sowie für die Inklusion von Kindern mit sonderpädagogischem Förderbedarf.
In der Versorgung mit Lehrkräften gibt es hingegen eklatante Ungerechtigkeiten. Gemessen an der Zahl ihrer Schülerinnen und Schüler wurden an Gemeinschaftsschulen ohne eigene Oberstufe im Schuljahr 2024/2025 nur halb so viele Lehrkräfte ausgebildet wie an Gymnasien. Das liegt an einer Ausbildungsstruktur, in der in zahlreichen Fächern das Lehramtsstudium nur für die gymnasiale Laufbahn möglich ist und nach dieser Logik das Referendariat nur an einer Schule mit Oberstufe erfolgen kann. Somit gab es über Jahre hinweg gleich in mehreren Fächern keine Studienanfänger*innen für die Sekundarstufe I. Die für Gemeinschaftsschulen typischen Fächer Weltkunde und Naturwissenschaften lassen sich in Schleswig-Holstein erst gar nicht studieren.
Folglich ist der Umfang an fachfremdem Unterricht hoch und wird bis 2034 weiter steigen. Zudem haben Vertretungskräfte an diesen Gemeinschaftsschulen seltener eine vollständige pädagogische Ausbildung – obwohl die pädagogischen Ansprüche hier ja besonders groß sind! Durch das ungute Zusammentreffen von erhöhten Herausforderungen und konstanter Benachteiligung zeigen die Abschlüsse an Gemeinschaftsschulen ohne eigene Oberstufe eine fallende Tendenz: Über die Jahre steht der MSA deutlich seltener, der ESA relativ häufiger auf dem Abschlusszeugnis; zugleich erreichen mehr und mehr Schüler*innen gar kein auf dem Arbeitsmarkt verwertbares Zeugnis (wozu leider auch der Förder-Abschluss gehört).
Ist die viel beschworene Durchlässigkeit des Bildungswesens in Gefahr?
Die GGG fordert, dass die systematischen Fehlsteuerungen, die Gemeinschaftsschulen ohne eigene Oberstufe in Schleswig-Holstein so unerträglich benachteiligen, umgehend beseitigt werden und dass diese Schulform endlich die Ressourcen erhält, die sie für die bestmögliche Bildung ihrer Kinder und Jugendlichen benötigt!
Auf der Veranstaltung in Neumünster wurde zu diesem Zweck ein Forderungskatalog diskutiert, der sich zurzeit in der Abstimmung befindet. Sobald diese erfolgreich war, werden wir an dieser Stelle wieder berichten.
Cornelia Östreich, Johann Knigge-Blietschau