Eingeladen hatten die Rosa-Luxemburg-Stiftung und die Fraktion Die Linke im Abgeordnetenhaus Berlin zum Thema: „Mehr Gemeinschaftsschulen für Berlin“. Gefolgt sind ihr ca. achtzig Menschen aus verschiedenen Zusammenhängen, u.a. der bildungspolitische Sprecher der Fraktion Die Grünen im Abgeordnetenhaus von Berlin, Louis Krüger, und die stellvertretende Vorsitzende des BISSS Berlin (Verband der Schulleitungen der Integrierten Sekundarschulen), Miriam Paech. Ebenfalls teilgenommen haben Dieter Zielinski und Lothar Sack für die GGG, die Spitzenkandidatin für die Abgeordnetenhauswahl Der Linken Elif Eralp und die bildungspolitische Sprecherin der Linken Franziska Brychcy. Robert Giese, Landesvorstand der GGG Berlin, hat ein Grußwort gesprochen. In diesem hat er drei Forderungen der Berliner GGG genannt und begründet.
- Abschaffung der 5. und 6. Klassen an den Gymnasien.
Die Berliner Schulen leiden unter einem Mangel an Räumen und Lehrkräften. Jeder junge Mensch hat einen Schulplatz an einer Grundstufe oder einer Grundschule im vierten Jahrgang. Berlin leistet sich den Luxus, beispielsweise für das kommende Schuljahr 2026/27 78 neue fünfte Klassen an Gymnasien einzurichten. Das bedeutet, dass ohne Not 78 Räume und mindestens 78 Lehrkräfte für den Drang nach Selektion im Sinne von „Spiel nicht mit den Schmuddelkindern“ falsch eingesetzt werden. Ressourcen, die den Schulen des gemeinsamen Lernens (ISS und GemS) fehlen. Sie müssen Hunderte Schüler*innen mehr aufnehmen als vom Gesetz vorgesehen, statt 26 bis zu 30 Schüler*innen je siebenter Klasse oder sie werden gezwungen zusätzliche Klassen einzurichten in Räumen, die für anderes bestimmt sind. Hinzu kommt, dass Hunderte von Plätzen an Gymnasien unbesetzt bleiben. Ein bildungspolitischer Skandal. - Förderprognosen zum Ende des zweiten Halbjahres der sechsten Klassen abschaffen.
Grundschulkolleg*innen sollen von bildungsbürokratischen, letztlich sinnentleerten Arbeiten entlastet werden, um sich vollständig auf ihre pädagogischen Aufgaben konzentrieren zu können. Wozu dienen diese Prognosen, letztlich dazu, Kinder gut sortieren zu können. Gymnasiallehrer*innen können Grundschulzeugnisse wahrscheinlich selber lesen und interpretieren und um mehr geht es ja auch nicht. Welches Mädchen und welcher Junge passt zu unserem Gymnasium? Wer zum Gymnasium darf, wird aktuell ohnehin durch den Notendurchschnitt bestimmt. - Jede Gemeinschaftsschule erhält die durchgängige Zügigkeit von der ersten bis zur zehnten Klasse garantiert.
Die Abweichung um eine Klasse wäre noch tolerierbar. Untersuchungen zeigen, dass die überdurchschnittlich erfolgreichen Gemeinschaftsschulen, beispielsweise die Träger des Deutschen Schulpreises, fast alle eine durchgängige Zügigkeit haben. Die zwangsweise zusätzliche Aufnahme von Mädchen und Jungen zur siebenten Klasse, in einigen Fällen sind das mehr Schüler*innen, als die Grundstufe besuchten, erfordert einen erheblichen Aufwand und kostet viel Zeit und Energie, um den pädagogischen roten Faden der jeweiligen Schule weiter spinnen zu können, beispielsweise die Arbeit ohne Noten einzuführen. Fast jeder Neuankömmling hat ja bereits Noten erhalten.
Robert Giese bedankte sich ausdrücklich für die lang andauernde Zusammenarbeit und die Verlässlichkeit bei den Vertretern der Partei Die Linke und bei Louis Krüger, der die Grünen vertrat, sowie bei Dr. Katrin Schaefgen, die für die Rosa-Luxemburg-Stiftung immer wieder für die Organisation von Bildungsveranstaltungen mit ähnlichen Themenstellungen verantwortlich zeichnet.
In den verschiedenen Workshops wurde über inhaltliche, aber auch organisatorische Fragen gestritten und diskutiert und es wurden Erfahrungen und Studienergebnisse präsentiert von Dr. Ulrich Vieluf zu den Berliner Gemeinschaftsschulen und von Dr. Sven Pauling zu den Primusschulen in NRW, die eindringlich zeigen, dass die integrierten Langformschulen dem gegliederten Schulsystem überlegen sind.
Themen der Workshops waren: „Inklusion“, „Wege zur Gemeinschaftsschule I: Umwandlungen und Fusionen“, „Wege zur Gemeinschaftsschule II: Neubau“, „Daten: Warum sind Gemeinschaftsschulen so erfolgreich?“, „Pädagogisches Konzept und Schulkultur“. Fazit: Eine sehr gelungene Veranstaltung, die die Notwendigkeit der Veränderungen des Schulsystems und der Stärkung der Gemeinschaftsschulen deutlich machte. Der abschließende Applaus sprach für sich. Bedauerlich war die geringe Teilnahme von Vertreter*innen von bestehenden Gemeinschaftsschulen. Das hatte wahrscheinlich mit dem Titel der Veranstaltung zu tun, sie sind ja schon an einer Gemeinschaftsschule.
Am Dienstag gab es gewissermaßen eine Fortsetzung. Das Berliner Bündnis für Bildung hatte die Spitzenkandidat*innen zur Abgeordnetenhauswahl im September zu einer Diskussion eingeladen. Diese sind, bis auf Kai Wegner, der Einladung gefolgt. Für die SPD waren das Steffen Krach, für die Grünen Werner Graf, für die Linken Elif Serap. Die CDU wurde von der derzeitigen Senatorin für Bildung, Jugend und Familie, Katharina Günther-Wünsch, vertreten. Die AfD wurde nicht eingeladen. Bemerkenswert war, dass alle vier sich für mehr Gemeinschaftsschulen aussprachen. Es wird in der nächsten Legislatur, egal in welcher Konstellation, einen Ausbau geben. Während die CDU–Position mit der Aussage „Jede Schulform hat ihre Berechtigung.“ auftrat, war das zumindest in der Anmoderation und der Diskussion anders zu verstehen. Es geht darum exklusive Schulformen zu überwinden. Grüne und Linke sind sich einig, es soll eine Verdopplung der Anzahl der Gemeinschaftsschulen in den nächsten 5 Jahren geben.
Bemerkenswert war, für welche Frage aus dem Publikum die Anwesenden unbedingt Antworten erhalten wollten. Dies wurde per Abstimmung ermittelt. Es war diese Frage: Wie stehen Sie zu den Bundeswehrbesuchen an Schulen?, welche die meisten der Anwesenden beantwortet haben wollten. Die Diskussion zu dieser Frage wurde begleitet von lautstarken Sprechchören der anwesenden Schüler*innen: „Die Reichen wollen Krieg, die Jugend eine Zukunft!“ Die Frage der „Kriegstüchtigkeit“ und die der unbegrenzten Aufrüstung sollte in jeder bildungspolitischen Diskussion eine Rolle spielen. Das Bildungssystem ist ja nicht nur strukturell anachronistisch und eben nicht inklusiv, es ist auch gnadenlos unterfinanziert – warum? Das gesamte Sozialsystem ist in Frage gestellt. Es ist bemerkenswert, wie die selbstauferlegte Schweigsamkeit zu diesen Fragen in vielen öffentlichen Diskussionen und den sogenannten Qualitätsmedien wirkt. An diesem Abend waren die Antworten ziemlich klar verteilt. Die Senatorin verteidigte die von ihr unterschriebene Kooperationsvereinbarung mit der Bundeswehr. Es würde sich ja nichts ändern. Jede Schule entscheidet nach wie vor selbst, ob die Bundeswehr rein darf oder nicht. Stellt sich die Frage, was diese Vereinbarung dann soll. Schulen können per Schulkonferenzbeschluss jegliche Kooperation mit der Bundeswehr ausschließen. Ein solcher Beschluss wurde vor ca. zehn Jahren in der Fritz-Karsen-Schule gefasst. SPD und Grüne führten an, dass es eine Bedrohung durch Russland gebe, allerdings sollten Vertreter*innen ja keine Werbung machen, sondern nur informieren. Wer dies formuliert hat, kann ich leider nicht rekonstruieren. Die einzigen, die sich deutlich gegen jegliche Auftritte positionierten, waren Die Linken.
Robert Giese