Bildungsungerechtigkeit – eine gemeinsame Schule für alle könnte helfen

Christa Lohmann/Cornelia Östreich 21. März 2026

Im Inhaltsverzeichnis der ZEIT vom 12. März 2026 wurde unter „Bildung“ ein Bericht angekündigt „Die Schule ist gerechter, als viele glauben ,…“ Das ließ uns aufmerken, denn bislang haben wir mit dem deutschen Bildungssystem alles andere verbunden als Gerechtigkeit.

Im Interview, das Martin Spiewak mit dem Sozialwissenschaftler Marcel Helbig führt[1] ordnet der Autor denn auch seine These in die bereits bekannten Ungerechtigkeiten ein. Er betont lediglich, dass nicht alle dieser Ungerechtigkeiten von der Schule ausgehen: Sie beginnen bereits im frühen Vorschulalter, werden durch Privilegiendenken in unserer Gesellschaft verschärft – und von der Schule eben nicht wirksam vermindert.

So bestätigt Helbig anhand aktueller Daten aus dem Nationalen Bildungspanel (NEPS), dass ein guter Abschluss bei jungen Menschen stark von ihrer sozialen Herkunft abhängt. Er zeigt anhand einer Tabelle, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, mit der ein Viertklässler mindestens eine Zwei in Mathematik bekommt: Bei einem Kind aus einer hohen sozialen Schicht liegt diese bei 74%, bei einem Kind aus einer mittleren sozialen Schicht noch bei 70% und das Kind aus einer niedrigen sozialen Schicht hat nur noch eine Chance von 61%. Bei der Benotung sprachlicher Leistungen sind diese Unterschiede noch stärker ausgeprägt.

Das Problem der sozialen Leistungsdiskriminierung beginnt nach Helbig aber lange vor dem ersten Schultag, wie er in seiner neuesten Studie “Von der Kita bis zur Uni“ nachweist. Er bestätigt zwar die Daten der PISA-Studie, dass 15jährige Schüler*innen aus sozial benachteiligten Familien bei vielen Kompetenzen schwächer abschneiden als die aus privilegierten Elternhäusern. Er fügt aber sogleich hinzu, dass dieser negative Effekt im 9. Schuljahr nicht größer ausfällt als am ersten Schultag! Somit sei der Eindruck falsch, dass es die Schule sei, welche diese Ungleichheit produzierte; denn – so der Titel des Interviews – „Schon bei Dreijährigen finden wir klare Unterschiede im Wortschatz“. Das gilt auch für das Zählen und andere Kompetenzen, die später für Mathematik oder Naturwissenschaften erforderlich sind. Bis zum Schuleintritt vergrößert sich diese Kluft weiter, aber danach bleibt sie weitgehend konstant.

Das könnte man der Schule sogar positiv anrechnen, wenn nicht der Faktor Bewertung und Empfehlung hinzukäme. Auf die Frage, weshalb Lehrkräfte denn so unterschiedlich auf die Kinder reagieren, entschuldigt er sie beinahe mit dem Hinweis, dass es oft unbewusste Motive seien, die zur Ungleichbehandlung führen: ein Argument, das wir nicht teilen können, denn Lehrkräfte müssen sich solche Motive bewusst machen – und sie schleunigst abbauen!

Dass das Entscheidungsverhalten von Eltern je nach Schichtzugehörigkeit eine wichtige Rolle spielt, ist indes unstrittig und seit langem bekannt. Um die Schichtzugehörigkeit zu bestimmen, hat Helbig drei Kriterien herangezogen: das Einkommen, den beruflichen Status und die Bildung der Eltern. Das Einkommen spielt nach seinen Untersuchungen die geringste Rolle, d.h. Geld in eine Familie zu stecken, ist keine Lösung. Das leuchtet sofort ein; denn mit dem Geld würden irgendwelche Löcher gestopft, es erhöht aber nicht die Fähigkeit dieser Eltern, den Kindern beim Lernen zu helfen.

Trotz einiger Reformen, die nach PISA 2000 durchgeführt wurden, hat sich nichts daran geändert, dass die Schüler*innen der Oberschicht am meisten von dem derzeitigen Schulsystem profitieren. Auf die Frage des Interviewers, ob wir denn ein anderes Schulsystem brauchen, antwortet Helbig in wünschenswerter Klarheit – so wie viele andere Wissenschaftler*innen, die sich aktuell mit Bildung auseinandersetzen:

„In puncto mehr Bildungsgleichheit wäre eine einheitliche Schule für alle bis zur Klasse zehn die bessere Lösung. Denn die frühe Aufteilung der Kinder in der vierten Klasse verstärkt die strukturelle Ungleichheit.“

Der Soziologe macht sich jedoch keine Illusionen darüber, dass die Mittel- und Oberschicht-Eltern alles dransetzen würden, um das Aus des Gymnasiums zu verhindern. Was indes schon im jetzigen System für mehr Gerechtigkeit sorgen könnte, wäre eine andere Einstellung der Lehrkräfte in puncto Notenvergabe und Übergangsempfehlungen. Sehr wichtig ist ihm auch eine Ganztagsschule, die der Lernförderung dient. Für Marcel Helbig lässt sich jedoch am meisten in der Zeit vor der Einschulung positiv verändern. Das ist auch die Botschaft aus seinen neuesten Studien. Kinder, die die Kita am nötigsten haben, sollten so früh wie möglich einen Platz in einer Einrichtung bekommen, in der qualifiziert gefördert wird.

Für alles Weitere bedarf es schulpolitischer Veränderungen. Diese werden ohne gezieltes Engagement für eine Schule für alle – und das Aushalten von Konflikten um die dazu erforderlichen Reformen – nicht zu bekommen sein. Denn auch diese Aussage wird von Helbig und vielen anderen Wissenschaftler*innen vorgebracht: Das deutsche Schulsystem ist, wenn nicht in allen Details, so doch in seinem Gesamtergebnis, eines der sozial ungerechtesten der Welt!

[1] Die Zeit 12/2026, online: https://www.zeit.de/2026/12/soziale-herkunft-bildung-schule-noten-gymnasium