Leserbriefe zum Artikel in der Süddeutschen Zeitung mit dem Titel „Übertritt nach der Grundschule…..“

Leserbriefe SZ, Ausgabe 31.3.26, zum Artikel in der Süddeutschen Zeitung vom 16.3.36 mit dem Titel „Übertritt nach der Grundschule- Manche bekommen schwitzige Hände vor Proben, manche klagen über Bauchschmerzen, manche weinen“

Dies wäre völlig überflüssig, wenn es nicht dieses vordemokratische Schulsystem gäbe, in dem Kinder nach der vierten Klasse auf verschiedene Schularten sortiert werden. Die unterschiedlichen Schulformen wurden ursprünglich nicht aus pädagogischen oder bildungsdidaktischen Überlegungen heraus geschaffen, sondern um die Kinder aus verschiedenen Bevölkerungsgruppen voneinander fernzuhalten. Der Stress, der oft schon in der dritten Klasse beginnt, ob es das Kind auf das „heilige“ Gymnasium schafft oder nicht, ist eigentlich völlig überflüssig. Es sollte kein Recht auf eine bestimmte Schulform, sondern auf die bestmögliche Förderung eines jeden Kindes geben. Daher brauchen wir endlich ein inklusives Schulwesen, das dann auch ohne Abschulungen auskommt. An den Gesamtschulen (oder wie der entsprechende Schultyp je nach Bundesland heißt) wird dann versucht, diese Kinder in die bestehenden Klassen zu integrieren und bei ihnen wieder Freude am Lernen zu wecken.

Andreas Baumgarten, Geschäftsführer der GGG

Ungerechtes Selektieren
Mit keinem Wort wird die eigentlich naheliegende Frage erörtert, warum man sich überhaupt die Mühe macht, Kinder in einem Alter zu selektieren, in dem die kindliche Intelligenz eine Phase stürmischer Entwicklung erlebt und Prognosen über die weitere Entwicklung den Aussagewert des Horoskops eines Boulevardblatts haben. Die Selektion von Kindern nach Graden der Intelligenz und vermuteter künftiger Eignung für reproduktive oder schöpferische Berufe ist daher nicht nur ein Anachronismus, sie ist ein großes Unrecht. Dabei werden im Wesentlichen zwei Hebel eingesetzt: Zum einen die materielle Benachteiligung der Grundschulen im Vergleich zu Gymnasien – verschärft durch die Migration – und zum zweiten durch das Curriculum der Gymnasien mit willkürlichen Hürden, mit denen Kinder je nach sozialer Herkunft unterschiedlich zurechtkommen.
Ein Beispiel: Im Mathematik Unterricht der Mittelstufe des Gymnasiums werden die Themen Algebra und Geometrie behandelt, zu deren Verständnis Abstraktionsvermögenvermögen und logisches Denken erforderlich sind. Das Gehirnareal, in dem diese Prozesse stattfinden, die Großhirnrinde, speziell der präfrontale Cortex, ist aber erst mit dem Ende der Adoleszenz ausgereift, keinesfalls jedoch mit der Entwicklungsphase in der Pubertät. Diese medizinische Binsenweisheit ist seit sehr vielen Jahrzehnten bekannt, wird aber von den Verantwortlichen Schulpolitikern hartnäckig ignoriert.
Die Kinder selbst sind diesem Unrecht hilflos ausgeliefert. Eine Wahl zwischen Ausbildungs- und Berufswegen im Kindesalter ist auch nicht notwendig, wie das Beispiel DDR gezeigt hat und etliche skandinavische Staaten noch heute demonstrieren.
Aber warum ist es bei uns in Deutschland – vor allem in Bayern – ganz anders? Die „höhere Bildung“ in separaten Schulen entwickelte sich parallel zur Industrialisierung als Privileg einer relativ kleinen wirtschaftlichen Elite und des Adels, die ihrem Nachwuchs auch auf diesem Wege Vorteile im beruflichen Konkurrenzkampf bieten konnten. Diese Eltern sind zwar inzwischen zahlenmäßig eine kleine Minderheit, setzen sich aber in den staatlichen Weichenstellungen noch immer durch. Unterstützt werden sie von einem Teil der Gymnasiallehrer, die um eine Gehaltsstufe besser besoldet werden als ihre Berufskollegen an Hauptschulen. Eine Gesellschaft, die es nicht schafft, die Entwicklung der natürlichen Intelligenz ihrer Kinder nach Kräften zu fördern (und stattdessen auf „künstliche Intelligenz“ setzt), ruiniert sich selbst.
Klaus Ried, München