Reinhard Stähling schildert nach 30 Jahren in der Schulleitung der Grundschule in Berg Fidel, – einem benachteiligenden Stadtteil der Stadt Münster – die Geschichte und Entwicklung der Schule von 1970 bis heute. Das allein klingt zunächst wenig überraschend.
Unerwartet spannend lesen sich die tagebuchähnlich wiedergegebenen Gespräche, die er mit erklärenden Kommentaren zu wichtigen Entscheidungen ergänzt. So kann man Schritt für Schritt nachvollziehen, wie sich die Schule verändert und weiterentwickelt hat. Dabei begegnet man sowohl vertrauter Skepsis als auch ermutigenden Momenten, die den Weg geprägt haben.
Höchst beeindruckend finde ich, wie unbeirrt die Schulleitung von Anfang an eine bestmögliche Entwicklung aller Kinder im Stadtteil und deren wechselseitig stärkendes gemeinsames Lernen vor Augen hatten. Stets alle Kinder, auch jene mit besonderen Beeinträchtigungen im Blick, wurde manche formelle Widrigkeit subversiv umgangen – immer mit dem Ziel, Wege zu finden um Aussonderungen zu verhindern. Allfällige Unsicherheiten im Kollegium und Verunsicherungen der Eltern wurden offen diskutiert, in Arbeitskreisen erarbeitete Vorschläge dann durch die Schulkonferenz verbindlich für alle entschieden. Ein zentraler Schritt war z. B. die Aufhebung der Jahrgangsklassen durch altersgemischte, von Teams betreute Lerngruppen. Unausweichlich wurde dann, eine Fortsetzung des gemeinsamen Lernens zu erkämpfen, weil der Bruch durch den Schulwechsel nach Klasse 4 die erarbeitete Stärkung der Kinder, ihre gemeinsame Lernkultur zerstört hätte. Nach vielen Rückschlägen gelang dies durch die Fusion mit der Hauptschule Geist als erste PrimarundSchule (1 – 10).
Unerwartet – aber höchst verdienstvoll – ist die Darstellung der historischen und aktuellen Ausgrenzung von Minderheiten am Beispiel der Sintize und Romnja, die eine größere Gruppe der SchülerInnen stellen. Besonders erschütternd, wie diese gesellschaftlich bis heute fortbesteht und belegt, wie aussondernde Denkweisen aus dem Nationalsozialismus die schulische Entwicklung nach dem 2.Weltkrieg offensichtlich weiter präg(t)en.
Breiteren Raum nimmt auch das Problem einer angemessenen Zuweisung von Stellen für diese Arbeit im sozialen Brennpunkt mit besonders vielen förderbedürftigen Kindern ein. Die Gleichverteilung nach Schülerzahlen verursacht eine zusätzliche Benachteiligung der dort aufwachsenden Kinder. Es bedarf einer schulspezifisch sozialindexbasierten und die Förderzuschläge berücksichtigenden erhöhten Zuweisung gegenüber den Schulen in bürgerlichen Stadtteilen,
Diese subkutanen, gesellschaftlicher n Benachteiligungen benennt auch Georg Feuser in seinem gelungenen Nachwort und bringt dafür den von Bourdieu geprägten Begriff des „Staatsgeistes“ ein. Durch die segregierende Sozialisation aller nachwachsenden Generationen in der öffentlichen Schule wird soziale (Ab)Wertung über ‚subkutan‘ erzeugte Selbst- und Fremdbilder verinnerlicht. So wird gesellschaftliche Spaltung zementiert, statt ein wertschätzendes Miteinander für alle Kinder in „einer für alle, einer inklusiven Schule für die Demokratie“ als kollektive Erfahrung erlebbar zu machen – wie es die Primus-Schule Berg Fidel-Geist vorlebt. Wirklich ein „praktischer Weg zu Solidarität und Inklusion“!
Gerd-Ulrich Franz
Das Buch:
Stähling, Reinhard; Entwicklungsschritte einer Schule im Brennpunkt, Psychosozial-Verlag Gießen, 2025; ISBN-13: 978-3-8379-3358-1