Rezension: El Mafaalani, Kurtenbach, Strohmeyer „Kinder – Minderheit ohne Schutz“ (2025)

Mit diesem Buch setzen die drei Autoren einen echten, bedenkenswerten Kontrapunkt zur aktuellen gesellschaftlichen Diskussion. Sie wollen gezielt „die Lage der Jugend in der alternden Gesellschaft in den Mittelpunkt“ rücken. Während sich die Diskussion häufig auf die Bedürfnisse der Älteren konzentriert, bleibt die Situation der Jüngeren weitgehend unberücksichtigt – allenfalls wird am Rande erwähnt, dass die nachfolgenden Generationen diese Bedürfnisse künftig gewährleisten müssten.

Aber 2024 kamen bei uns nur halb so viele Kinder zur Welt, wie Menschen ihren 60. Geburtstag feierten.

Die Autoren mahnen, dass die Kinder als Minderheit nicht wahrgenommen, ihre Lebensverhältnisse, Bedürfnisse und Interessen nicht thematisiert und sie so zu gesellschaftlichen ‚Außenseitern’ gemacht und nicht geschützt werden. Zugleich werden die Mängel des Schulsystems weiterhin ignoriert – 50.000 ohne Abschluss und erneut sinkende Grundkompetenzen der Schüler*innen! Dabei kann es sich ‚die Gesellschaft‘ schon angesichts der demografischen Verschiebungen gar nicht mehr leisten, auch nur ein Kind ohne Lernerfolg aus der Schule zu entlassen – von deren individueller Beeinträchtigung und verfassungsrechtlichen Widersprüchen ganz zu schweigen.
Sie beschreiben die heutige Kindheit in einer vielfältig verunsichernden Zeit, geprägt von erlebten Überforderungen der Schule durch  Corona und den Krieg in der Ukraine. Einher geht eine massive Diversifizierung der Kinder („superdiversity“) auch aufgrund der Zuwanderung und eine immer stärker „fragmentierte Kindheit“ in unterschiedlichen Lebensverhältnissen in dieser Gesellschaft. Die Schulen finden keine angemessene Antwort und werden allein gelassen – noch immer folgen alle Ideen und Maßnahmen der „Logik der Institution“ und nicht den Bedürfnissen dieser verunsicherten Generation. Noch immer wird erwartet, dass „Familie“ die Bildungsvoraussetzungen (= „Humanvermögen“) schafft, mit denen dann Schule für alle gleichermaßen Bildungserfolg (= „Humankapital“) erarbeitet. Diese Erwartung war zu allen Zeiten diskriminierend für die Kinder aus benachteiligenden Verhältnissen – mittlerweile scheitert das System, wenn es nicht endlich die Aufgabe annimmt, dieses Humanvermögen selbst zu schaffen.
Dazu bedarf es einer ‚radikalen‘ Neubestimmung der Aufgaben des ‚Personals‘, der Abläufe und Strukturen – Schule muss zu einem „Lern- und Lebensort“ werden. Unverzichtbar sind tragfähige Beziehungen zu den Erwachsenen in multiprofessionellen Teams. Ebenso wichtig sind die Anerkennung von „Vielfalt und Verschiedenheit“, das Erleben von Gemeinsamkeit auch im Blick auf das Zusammenarbeiten und Leben in der zukünftigen (demokratischen!) Gesellschaft.
Neben ihren neu gefassten Aufgaben für die Schule schlagen die Autoren zudem „Zukunftsräte“ für die Kinder und Jugendlichen vor, die deren Beteiligung bei gesellschaftlichen Entscheidungen ermöglichen. Verlässlich eingebunden in die Abläufe im Gemeinwesen, stärken diese das Bewusstsein und die Erfahrung eines wertschätzenden Miteinanders – zentrale Voraussetzung für einen Fortbestand unserer demokratischen Gesellschaft.
Mit den präzise belegten Gründen für einen grundsätzlich zu verändernden Umgang mit der „Minderheit“ der Kinder und Jugendlichen in dieser Gesellschaft liefern die Autoren überzeugende Argumente für einen radikalen Wandel der schulischen Struktur insgesamt – auch wenn ihre Beiträge sich auf die konkreten Aufgaben und den Umgang in Kita und Grundschule konzentrieren und die weiteren Strukturen nur am Rande erwähnt werden.

 

Gerd-Ulrich Franz

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