Kurz vor der Sommerpause war es der GGG Schleswig-Holstein noch gelungen, einen Termin mit der Bildungsministerin des Landes, Dr. Dorit Stenke, zu erhalten. Neben den fünf anwesenden Vorstandsmitgliedern waren auch der Beauftragte für Extremismus-Prävention und Schulabbruch, die Schulaufsicht der Gemeinschaftsschulen mit Oberstufe sowie der Schulrat aus Kreis Herzogtum Lauenburg zugegen. An erster Stelle stand für die GGG dabei die dramatische Lage vor allem derjenigen Gemeinschaftsschulen, die keine eigene Oberstufe aufweisen und größte Schwierigkeiten haben, genügend qualifizierte Lehrkräfte zu gewinnen. Das Lehrkräfte-Prognosetool der Landesregierung sieht hier schweren Mangel in fast allen Fächern vorher.
Ein strukturelles Problem dabei liegt aus Sicht der GGG in der Ausbildung. An den schleswig-holsteinischen Universitäten werden viele Fächer nur noch für Oberstufen-Lehrkräfte angeboten, darunter auch Deutsch und Englisch. Gleichzeitig wird es diesen Lehrkräften schwer gemacht, ihre Ausbildung an einer Gemeinschaftsschule ohne Oberstufe zu leisten. Sie brauchen dann eine Kooperationsschule und haben mithin zwei Dienstorte mit unterschiedlichen Kollegien, Stundenplänen und Schulkulturen sowie Fahrzeiten. Das alles unter Prüfungsdruck. Wenig überraschend wählt dieses Modell so gut wie niemand. Alternativ können sie einen Quereinstieg in das Referendariat Sek l (GemS) machen und auf ihre Oberstufenqualifikation schriftlich verzichten. Da dies bedeutet, auch keine A-14-Beförderung zu bekommen, gehen diesen Weg ebenfalls nur sehr wenige. Zwar könnten diese Lehrkräfte ihre Oberstufenqualifikation später in einem einjährigen Kurs nachholen; doch ist dies umständlich und somit wenig attraktiv!
Im Resultat kommen zu wenige LiV an den Gemeinschaftsschulen ohne Oberstufe an.
Über die Einschätzung, ob diese Schwierigkeiten tatsächlich einen Verzicht, zumindest unzumutbaren persönlichen Aufwand bedeuten, gab es zwischen GGG und Ministerium durchaus Dissens. Die GGG meint, dass die für interessierte LiV bestehenden Hürden dringend abgebaut werden müssen.
Vielleicht könnte ein „überkreuzendes Praxissemester“ neue Zugänge schaffen? Für diese Idee war die Ministerin aufgeschlossen.
Angesichts der zunehmenden Heterogenität an Gymnasien scheinen auch Überlegungen wieder aufzuleben, die Lehrkräfte der Sekundarstufe gemeinsam auszubilden. Für diesen Weg hätte das Ministerium die Unterstützung der GGG.
Bis dahin müssten nach Auffassung der GGG aber „gymnasiale“ Lehrkräfte auch ohne Auflagen und Abstriche an Gemeinschaftsschulen ohne Oberstufe ausgebildet werden können. Der Unterschied liege ja nur im Einsatz in Jahrgang 11. Hingegen könnten angehende Lehrkräfte an Gemeinschaftsschulen ja sogar Prüfungserfahrungen in den Jahrgängen 9 und 10 sammeln. Dieser Vorschlag wiederum wurde von der Ministerin mit Verweis auf eine fehlende KMK-Vereinbarungen eher verhalten aufgenommen. Außerdem betonte Frau Dr. Stenke, dass dies zu einer Einschränkung der Mobilität der Lehrkräfte führen würde.
In der Runde erwähnt wurde das Beispiel Nordrhein-Westfalens, wo Studierende als bezahlte Unterstützung an Startchancen-Schulen eingesetzt werden. Dazu bedürfe es aber aufwändiger Organisation – und motivierender Reflexion!
GGG und Ministerin waren sich einig, dass multiprofessionelle Teams transparenter organisiert werden müssen, damit die Hilfe bei den Kindern ankommt und nicht mangels Steuerung „versackt“. Dabei fiel der Satz: „Wir müssen systemisch reagieren“ und auch das Bekenntnis, „über andere Formen von Unterricht nachdenken“ zu müssen. Die Unterstützung für individualisiertes und selbstgesteuertes Lernen von Seiten des Ministeriums war sehr deutlich. Eine gute Nachricht für die zahlreichen Schulen, die sich in Schleswig-Holstein gerade auf diesen Weg machen und den Klassenunterricht weitgehend oder vollständig abgeschafft haben! Welche Folgen dies für die zukünftige Gestaltung der Prüfungsordnung haben wird, deren wichtigstes Format immer noch Prüfungsstunden im Klassenunterricht von 45 oder 60 Minuten darstellen, blieb zunächst offen.
Die Nachfrage, warum Förder-Abschlüsse keine bessere Anerkennung genießen, sondern oft unter die Zahlen „ohne Schulabschluss“ gerechnet werden, beantwortete Dr. Stenke mit der Position einzelner anderer Länder der KMK; an Schleswig-Holstein liege solche Diskriminierung nicht! Was das Nichterreichen von ESA- und MSA-Abschlüssen angeht, setzt das Ministerium auf „schulscharfe“ Beratung – während die GGG auf regionale Strukturen aufmerksam machte, in denen sich dieses Problem mehr bzw. weniger finde. Sei es nicht so, dass das Vorhandensein von Oberstufen an Gemeinschaftsschulen Kinder zum Durchhalten motiviere? Dieser Lesart mochte die Ministerin nicht folgen.
Zum Abschluss fand sie deutliche Worte gegen die „ungute Tradition“ der Bildungsbenachteiligung nach Herkunft, die man „in 80 Jahren nicht gelöst habe“. Die Themen „Experimentierklausel“ und „Bildungsverlaufsregister“ sowie Fragen zur Ausbildung für die Integrationsfächer Weltkunde und Nawi mussten auf ein weiteres Treffen vertagt werden.
Cornelia Östreich, Johann Knigge-Blietschau Anfang Juli 2026