Silke Müller ist engagierte Verfechterin eines menschengerechten, chancengerechten und zukunftsorientierten Bildungssystems. Bekannt wurde sie als Schulleiterin der Waldschule Hatten. Seit ihrer Beurlaubung aus dem niedersächsischen Schuldienst im Sommer 2025 arbeitet sie als freiberufliche Publizistin, Autorin, Beraterin, Vortragsrednerin und Coach.
Nach ihren beiden Bestsellern Wir verlieren unsere Kinder und Wer schützt unsere Kinder, in denen sie sich vor allem mit den Auswirkungen digitaler Medien und Künstlicher Intelligenz auf Kinder, Familien, Schule und Gesellschaft auseinandersetzt, legt sie mit Schule gegen Kinder eine Analyse des deutschen Bildungssystems vor. Es ist, wie sie selbst formuliert, eine „schonungslose Abrechnung mit einem System, das Erwachsene schützt – und Kinder zu oft alleinlässt“.
Der Titel ist bewusst provokant gewählt. Er versteht sich als Weckruf. Nach Müllers Überzeugung steht das deutsche Bildungssystem am Abgrund. Es gleicht einer Ruine, schadet den Kindern und Jugendlichen und gefährdet damit ihre Zukunft ebenso wie die Zukunft unserer Gesellschaft.
Im ersten Teil des Buches beschreibt die Autorin in sieben Themenfeldern den Zustand des deutschen Schulsystems. Vieles davon – etwa die sinkende Leistungsfähigkeit, die marode Infrastruktur, der Lehrkräftemangel, die fehlende Chancengerechtigkeit oder die unzureichende Vorbereitung auf die digitale Zukunft – ist seit Jahren bekannt. Besonders hervorzuheben ist jedoch ihre Forderung, die Stimme der Kinder stärker zu berücksichtigen. Unter Bezug auf Artikel 12 der UN-Kinderrechtskonvention fordert sie, Kinder und Jugendliche an Entscheidungen zu beteiligen, die sie betreffen. Mit dem Satz „Es ist unfassbar, was wir an Schuld auf uns laden“ bringt sie ihre Bewertung der gegenwärtigen Situation auf den Punkt.
Die besondere Stärke des Buches liegt für mich im zweiten Teil. Hier richtet Silke Müller den Blick auf die „erschütternden Wahrheiten“ darüber, wie es Kindern und Jugendlichen in unserem Land tatsächlich geht. Anhand zahlreicher Fallbeispiele zu psychischer Gesundheit, Armut, Traumata, Erfahrungen in der digitalen Welt und Zukunftsängsten erhalten Leserinnen und Leser – insbesondere diejenigen, die weder als Lehrkräfte noch als Eltern unmittelbar betroffen sind – Einblicke in Lebensrealitäten, die ihnen sonst häufig verborgen bleiben. Als langjährige Schulleiterin weiß Silke Müller, wovon sie schreibt. Mit großer Empathie schildert sie die Perspektive der Schülerinnen und Schüler und macht deutlich, dass Schule ihren Bildungsauftrag nur erfüllen kann, wenn sie zugleich Beziehungen ermöglicht und trägt.
Nach einem Kapitel über Digitalisierung und Künstliche Intelligenz entwickelt die Autorin eine umfassende Roadmap für ein zukunftsfähiges Schulsystem. Viele ihrer Forderungen – etwa Schule als Lern- und Lebensort zu gestalten, das Menschenrecht auf Inklusion konsequent umzusetzen, das Rollenverständnis von Lehrkräften weiterzuentwickeln oder eine Pädagogik zu verwirklichen, die das Kind in den Mittelpunkt stellt und projekt- sowie prozessorientiertes Lernen fördert – sind nicht neu. Dennoch ist es wichtig, sie immer wieder zu benennen und ihre Umsetzung einzufordern.
Ganz im Sinne der Gemeinnützigen Gesellschaft Gesamtschule (GGG) plädiert Müller für ein vom Kind aus gedachtes Bildungssystem. Deutlich wird dies in ihrer Forderung: „Wir müssen endlich weg von dieser Dreigliedrigkeit, ein Sortiersystem für Kinder – früh, starr, stigmatisierend. … Das ist nicht zeitgemäß, das ist ein Bildungsgerüst aus dem vorigen Jahrhundert.“ (S. 222)
Zum Abschluss formuliert die Autorin eine Aufgabe an uns alle: „Wir müssen die Kinder zu freien, mutigen und kreativen Menschen machen, die in der Lage sind, Verantwortung zu übernehmen, Entscheidungen zu treffen und vor allem in Frieden und Empathie mit Respekt und Toleranz miteinander umzugehen.“ (S. 244) Und schließlich fordert sie: „Wir müssen die Ruinenverwaltung des Bildungssystems beenden und aufbrechen zu einem neuen Bildungssystem, das zukunftsfähig, werteorientiert und vor allem auf die Zukunft von Kindern und Jugendlichen ausgerichtet ist.“ (S. 246)
Auf ihrer Website zitiert Silke Müller den deutsch-österreichischen Journalisten und Autor Wolf Lotter: „Bücher zum Thema Schule und Bildung werden fast immer nur von Lehrern und Eltern gelesen. Schule gegen Kinder von meiner hochgeschätzten Kollegin Silke Müller ist das Buch, um mit dieser Tradition zu brechen.“
Ich wünsche, dass er Recht behält. Wenn dieses Buch und das engagierte öffentliche Wirken von Silke Müller dazu beitragen, endlich eine gesamtgesellschaftliche Debatte über die Zukunft unseres Bildungssystems anzustoßen und die Politik ihrer Verantwortung gerecht wird, dann hat es viel erreicht. In diesem Sinne wünsche ich dem Buch eine breite Leserschaft.
Dieter Zielinski