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– am Beispiel des Landes Bayern

Eine für Alle – Heft 9 (2024)

So war und ist Inklusion nicht gemeint

In dieser Ausgabe unserer Schriftenreihe lesen Sie einen Beitrag zur Inklusion in Bayern. Sie fragen sich jetzt vielleicht, inwiefern Sie das Schulsystem Bayerns interessieren sollte? Die Bedenken hatten wir auch. Wir haben den Beitrag aufgenommen, weil Hans Wocken darin die Ziele und entsprechende Strategien im Detail entlarvt, mit denen in Bayern unter dem Schild „Inklusion“ inklusive Bildung in der Realität verhindert wird.

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Nicht so unverhohlen wie in Bayern wird auch in anderen deutschen Bundesländern das unverblümte Abrücken davon, was die UN-Konvention zu den Rechten von Menschen mit Behinderungen (UN-BRK) fordert, immer deutlicher: Gefordert wird ein Bildungssystem, das sich zunehmend daraufhin entwickelt, allen Kindern inmitten aller anderen eine erfolgreiche Bildung zu ermöglichen – manche brauchen dazu besondere Vorkehrungen. Misst man die schulischen Entwicklungen in den Ländern an Inklusion im Sinne der UN-BRK, kommt man zu dem traurigen
Schluss, dass sich im Grundsatz nichts geändert hat und es vor allem keinen Plan gibt, die UN-BRK umzusetzen: 15 Jahre nach Verabschiedung der UN-Konvention durch den Bundestag wird immer noch – oft in unverändertem Umfang – in Sonderschulen ausgesondert.

Von daher ist es nicht verwunderlich, dass der für die Überwachung der Umsetzung der UN-BRK in den Vertragsstaaten zuständige UN-Fachausschuss in Genf Deutschland kritisiert und fundamentale Neuorientierungen empfiehlt. Vor allem brauche es einen Gesamtplan, um das Bildungssystem von der Dominanz des Förderschulsystems zu befreien.

Weil kein Bundesland eine Entscheidung für nachhaltige Inklusion getroffen hat, haben wir es nun mit vielen Verwerfungen zu tun. Eine der Verwerfungen, auf die Hans Wocken insbesondere eingeht, ist die wundersame Vermehrung sonderpädagogischen Förderbedarfs, in deren Dienst sich die sonderpädagogische Diagnostik stellen lässt. Die Zunahme vollzieht sich in den 15 Jahren seit der Verabschiedung der UN-BRK durch den Bundestag in deutschen Schulen und konterkariert die Absicht der Konvention.

Das Erstaunliche ist, dass dieses Phänomen die verantwortlichen Bildungspolitiker*innen in Deutschland (aller Parteien) offensichtlich nicht interessiert und sie den Auftrag der UN-BRK weiterhin ignorieren.

Hans Wocken entlarvt die behauptete Inklusion als Lüge. Sie haben hier die Möglichkeit, die Ziele und Strategien, mit denen auch in verschiedenen anderen Bundesländern Inklusion vorgegaukelt wird, am Beispiel Bayerns im Detail zu verfolgen. Es lohnt die Mühe, dies für das eigene Bundesland zu untersuchen. Für andere Bundesländer gibt es leider außer der hier vorliegenden und einer mit Spannung erwarteten wissenschaftlichen Untersuchung, die die Landesregierung von NRW zu den sonderpädagogischen Feststellungverfahren in Auftrag gegeben hat, keine entsprechenden umfassenden kritischen Untersuchungen.

Hans Wocken:

Zu den nachhaltigsten Erlebnissen meiner wissenschaftlichen Biographie gehört ein Besuch der Laborschule Bielefeld; sie war für mich ein Schlüsselerlebnis und hat an der Wiege meines pädagogischen Denkens und Handelns gestanden. Hier habe ich zum ersten Mal mit eigenen Augen gesehen, dass Schulen anders sein können. Seither bin ich viel auf Achse gewesen. Auf Bildungsreisen nach Schweden, Italien, Dänemark, in die Schweiz, und aus Besuchen von Alternativschulen habe ich mehr gelernt als aus vielen schlauen Büchern. Und auf diesen Reisen habe ich in Italien und in Skandinavien zum ersten Mal mit eigenen Augen „Integration“ gesehen.

1980 erhielt ich eine Berufung an die Universität Hamburg auf einen Lehrstuhl für Lernbehindertenpädagogik mit dem bedeutsamen Zusatz:
„unter Einbezug integrativer Erziehung“! In Hamburg habe ich die beiden Schulversuche „Integrationsklassen“ und „Integrative Regelklassen“ mitinitiiert und wissenschaftlich begleitet.

Zeitgleich mit meiner Emeritierung 2008 erschien die Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen. Seit meiner Emeritierung bin ich deutschlandweit als „Botschafter der Inklusion“ unterwegs und wurde auch in die deutsche UNESCO-Kommission „Inklusion“ berufen.