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Saarland
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Die saarländische Gesamtschule am Endpunkt einer kurzen Epoche

Es ist 200 Jahre her, dass der Plan einer Schulreform zurückgewiesen wurde mit dem Hinweis, dass Preußen nicht einer gleichartigen Stufenschule, sondern verschiedenartiger Berufs- und Standesschulen bedürfe. „Für Republiken mit demokratischer Verfassung mag dergleichen vielleicht passen, allein mit monarchischen Institutionen verträgt es sich gewiss nicht.“ ( s. Herrlitz u.a., S. 45ff)

Es ist knapp 100 Jahre her, dass mit dem „Reichs-Grundschul-Gesetz“ die strikte Trennung zwischen höherer und niederer Bildung durchbrochen wurde und alle SchülerInnen – bis auf die 'Hilfsschüler' – zum gemeinsamen Besuch der unteren vier Klassen der Volksschule gezwungen wurden. (ebenda S.121f)

Es ist über 60 Jahre her, dass die Mütter und Väter des Grundgesetzes (GG) befürchteten, die gemeinsame Grundschule sei in der Restaurationsphase, also der Zeit, in der das gegliederte Schulwesen gegen den Wunsch der amerikanischen Besatzungsbehörden (Kontrollratsdirektive Nr. 54; 1947) wieder eingerichtet wurde, gefährdet. Deshalb schrieben sie in den Artikel 7 GG (6) „Vorschulen bleiben aufgehoben.“

Es ist über 40 Jahre her, dass der Deutsche Bildungsrat ein Experimentalprogramm mit Gesamtschulen empfahl. Die BRD hätte auf dem damit einzuschlagenden Weg Anschluss an eine europäische Entwicklung zum gemeinsamen Lernen, gewinnen können. (Empfehlungen 1969)

Es ist reichlich 10 Jahre her, dass die 1. PISA-Studie Bildungspolitik und Öffentlichkeit aufschreckte. Die für Deutschland deprimierenden Befunde werden bis heute bestätigt. Zuletzt in der Studie der Bertelsmanns Stiftung: Chancen-Spiegel. Zur Chancengerechtigkeit und Leistungsfähigkeit. (2012)

Es ist ein Jahr her, dass der Saarländische Landtag die Verfassung änderte, um ein zweigliedriges Schulsystemsystem zu zementieren. Dies stellte der seinerzeit zuständige Minister und frühere GEW Vorsitzende Klaus Kessler als so fortschrittlich dar, dass er den Schulfrieden verkündete.

Eine fatale Folge dieses Beschlusses ist die Abschaffung der Gesamtschule im Saarland, die dem Anspruch nach und faktisch die Alternative zum gegliederten Schulsystem darstellte. Beschlossen und verkündet wurde wieder einmal das vorläufige Ende der demokratischen Bemühungen um eine Stufenschule. Das auf u.a. Wilhelm von Humboldts neuhumanistischer Bildungstheorie basierende integrierte System wartet nicht nur im Saarland weiter darauf, endlich realisiert zu werden.

Dann erst sind die notwendigen Voraussetzungen für Bildungsgerechtigkeit gegeben sowie für ein leistungsfähiges Schulsystem geschaffen.

Die Geschichte der saarländischen Gesamtschule ist relativ kurz.

Die erste saarländische Integrierte Gesamtschule wurde im Rahmen des Experimentalprogramms der Bundesregierung in Dillingen errichtet. Sie feierte kurz nach der Verfassungsänderung 2011 ihr 40jähriges Bestehen. Die Merkmale dieser Schule waren die der meisten Integrierten Gesamtschulen dieser Zeit: Alle SchülerInnen besuchten gemeinsam die Klassen fünf und sechs und wurden danach in den Hauptfächern auf drei unterschiedliche Niveaustufen (Fachleistungsdifferenzierung) verteilt.

Ein Wahlpflichtbereich eröffnete ihnen die Chance, inhaltliche Schwerpunkte zu setzen und in diesen Fächern besondere Qualifikationen zu erwerben. Je nach Noten und Kurszugehörigkeit erreichten die Jugendlichen den Hauptschulabschluss, den mittleren Bildungsabschluss oder die Übergangsberechtigung in die gymnasiale Oberstufe. Die IGS Dillingen kooperierte eng mit dem TWG Dillingen.

Die IGS Dillingen war also mit Blick auf das ganze Bundesgebiet eine der hochdifferenzierten Leistungsschulen, die ihren Ursprung in Westberlin hatten. (Sander, Rolff, Winkler 1967). Sie wurde von der Universität des Saarlandes evaluiert.

Die Gesamtschule Saarbrücken-Rastbachtal bestand als 2. Gesamtschule im Saarland bereits als 1985 die SPD mit Oskar Lafontaine den Ministerpräsidenten stellte und Prof. Diether Breitenbach Kultusminister wurde. Mit dem von über 500 Teilnehmern besuchten Bundeskongress der Gemeinnützigen Gesellschaft Gesamtschule (GGG) wurde die IGS Rastbachtal zum Ausgangspunkt einer der seinerzeit auch international stark beachteten Schulreformen in der Bundesrepublik.

Diether Breitenbach wollte nicht nur, wie für Sozialdemokraten üblich, mehr herkömmliche differenzierte Gesamtschulen errichten, er trat zugleich für ihre Pädagogisierung ein. Die Vorbilder dafür fand er vor allem in der IGS Köln-Holweide und in der IGS Göttingen-Geismar (2011 Trägerin des mit 100 000 € dotierten Deutschen Schulpreises), die das Team-Kleingruppen-Modell entwickelten und realisierten. Für Unterstützer dieser Reform hatte er als Hochschullehrer bei seinen StudentInnen und in seiner Partei erfolgreich gesorgt. Darüber hinaus konnte er Udo Affeldt (Köln-Holweide) als Gesamtschulreferenten gewinnen und Dr. Klaus Winkel (Göttingen-Geismar) zusammen mit Gerd Wagner (GEW Vorsitzender und Lehrer) für die Lehrerfortbildung verantwortlich machen.

Ein besonderes Merkmal des Aufbaus der neuen Schulform die vorgängige Lehrerfortbildung. Sie begann bereits im Herbst 1985 für die Teams des ersten fünften Jahrgangs. Parallel dazu entstand eine neue Gesamtschulverordnung, die seinerzeit die beste, weil pädagogische Freiräume für die Schulen und Teams eröffnende in der Bundesrepublik war.

Der Aufbau dieser Gesamtschulen erfolgte sukzessiv. Es wurden 5 neue Schulen gegründet, die Gesamtschule Saarbrücken-Bellevue begann bereits 1985 als Dependance der IGS Ratsbachtal mit einem 5. Jahrgang. Die IGS Dillingen und die IGS Saarbrücken-Rastbachtal wurden nach Konferenzbeschlüssen umstrukturiert und in die Fortbildung einbezogen. Weitere Gesamtschulen kamen dazu. Die Entwicklungsbegleitende Lehrerfortbildung für den Gesamtschulbereich (ELG) wurde im Landesinstitut für Pädagogik und Medien (LPM) auf- und ausgebaut. Schulleitungen, Teams, FachlehrerInnen aber auch Eltern und SchülerInnen waren in das umfassende Konzept einbezogen. (Winkel/Leinen 1997)

In den Aufbaujahren der Gesamtschule haben wohl alle LehrerInnen, die an die Gesamtschule versetzt wurden, den 5tägigen Grundkurs Team-Kleingruppen-Modell absolviert und weitere Fortbildungsangebote intensiv genutzt. Insbesondere die für die Gesamtschulen eingeführten und später für alle Schulen ermöglichten Pädagogische Tage haben zur Qualitätsentwicklung beigetragen. Den Gesamtschulen wurden seinerzeit vier Pädagogische Tage im Schuljahr gewährt. - Der 1. Pädagogische Tag im Saarland fand in der IGS Dillingen statt.

In der Folgezeit wurde die vom LPM unterstütze Kooperation zwischen den Gesamtschulen wichtiger. Die Tagungen der Schulleitungen im Frühjahr und Herbst dienten vor allem dem Austausch und der Vorstellung von spezifischen Entwicklungen einzelner Schulen, die von den anderen Schulen aufgegriffen werden konnten.

Auf dem Weg zu mehr Bildungsgerechtigkeit und höherer Leistungsfähigkeit haben die Gesamtschulen viele Instrumente und Verfahren entwickelt. Zuerst zu nennen ist aber das Organisationsprinzip Team-Kleingruppen-Modell (TKM).

Über die Gesamtschulen hinaus hat sich die Idee der Jahrgangsorganisation der Schule durch Zuordnung von Lehrerteams zu einem Schülerjahrgang durchgesetzt.

Der damit verbundene Einsatz von meist zwei KlassenlehrerInnen, die ihre Klasse vom 5. bis zum 9 . Schuljahr (in Einzelfällen auch bis zum Abitur) begleiten, ermöglicht es diesen Tutoren genannten Personen, die so wichtigen stabilen Beziehungen zu ihren Schülern und deren Eltern aufzubauen.

Allerdings schränkt die von der KMK noch immer geforderte äußere Fachleistungsdifferenzierung die pädagogische Potenz dieser Teams doppelt ein: Um die Kurse angemessen zu personalisieren, müssen FachlehrerInnen aus anderen Teams eingesetzt werden, was das aufnehmende Team ebenso schwächt wie das abgebende. Und der Blick auf die SchülerInnen ist auf die Fachleistung fokussiert und nicht auf die Entwicklung der ganzen Person gerichtet.

Die Klein- oder Tischgruppe ist inzwischen in vielen Schulen die bevorzugte Sitzordnung. Individuelles Lernen ist nicht als Einzelunterricht, sondern in dem Sinne zu verstehen, dass jedes Kind, jeder Heranwachsende (und jeder Erwachsene) Subjekt seines Lernens ist. Dies aber geschieht in der Gemeinschaft. In der Tischgruppe wird Empathie gefördert, Schülerinnen und Schüler lernen solidarisch. So erwerben sie sozialen Kompetenzen und zugleich in der Zusammenarbeit entsprechende Methodenkompetenz.

Zu beklagen ist im Saarland ein erheblicher Mangel an Erfahrung mit echten Ganztagsschulen, da lediglich die Gesamtschule Neunkirchen 1986 als Ganztagsschule konzipiert und eingerichtet wurde.

Von Anfang an haben die Gesamtschulen eine Tutorenstunde bzw. eine Klassenratsstunde realisiert, obwohl sie nicht in dem Stundenplan stand und somit nicht personalisiert wurde. Diese Zeit ist, richtig genutzt, die Quelle der Partizipation und d.h. immer auch Übernahme von Verantwortung für sich selbst, die MitschülerInnen, das Lernen und die Schule insgesamt. Aus dem Klassenrat wächst die Kraft der Schülervertretung in der Schule und im Land. Demokratieerziehung ist keine Institutionenlehre, sondern muss trainiert und gelebt werden können.

Die Elternarbeit wird an Gesamtschulen zwar ernst genommen und ist durch die mehrjährige Zusammenarbeit der Eltern mit den Tutoren auch erfolgreicher als in Schulen, in denen KlassenlehrerInnen jährlich oder alle zwei Jahre wechseln. Mit ihren Tischgruppen-Elternabenden war die IGS Göttingen-Geismar vor allem in den ersten Jahren Vorbild für viele saarländische Gesamtschulen.

Dass Lerndiagnose und Förderung in den saarländischen Gesamtschulen von Anfang an eine wichtige Rolle spielten sei hier betont. Besonders erfolgreich konnten die LehrerInnen zu der Zeit arbeiten, als jeder Klasse Verfügungsstunden gewährt wurden.

Lernentwicklungsberichte bzw. Briefe an die SchülerInnen zu schreiben, ist eine hohe Kunst. Sie zu beherrschen gehört, so wussten die GesamtschullehrerInnen in den ersten Jahren, zu Lerndiagnose und Förderung ebenso dazu wie die SchülerInnen-Eltern-Gespräche auf Basis dieser Berichte. Der Anspruch des individuellen Lernens wird durch Lernentwicklungsberichte und nicht durch Zensuren eingelöst; ein Dilemma, aus dem sich die saarländischen Gesamtschulen leider nicht lösen konnten.

Projektlernen hatte in der Anfangszeit der Gesamtschule einen sehr hohen Stellenwert, auch manche Realschulen bzw. Sekundarschulen haben sich an den jährlich stattfindenden Präsentations- und Fortbildungstagen mit bewundernswerten Präsentationen beteiligt.

Soziale Arbeit in Schulen war schon in den Berliner Gesamtschulen ab 1967 selbstverständlich. Die Zusammenarbeit war lange schwierig, ja, hin und wieder gar feindselig. Inzwischen haben sich beide Professionen zusammengerauft und im Saarland schätzen sich SchoolworkerInnen und LehrerInnen gegenseitig sehr. Es braucht mehr SozialpädagogInnen: Vor vielen Jahren machte Hartmut von Hentig die Öffentlichkeit darauf aufmerksam, dass für viele Kinder und Jugendliche die übermächtigen Lebensprobleme ihre Lernprobleme gering erscheinen lassen. Seit 1975 leben wohl mehr Kinder und Jugendliche in prekären Verhältnissen. Diese gehen überwiegend nicht ins Gymnasium. LehrerInnen sind keine Experten für die Lösung von Lebensproblemen.

Bildung findet nicht exklusiv in der Schule statt. Die Ganztagsschule meint nicht Ganztagsunterricht, sondern gemeinsames Ausschöpfen von Lerngelegenheiten auch außerhalb des Klassen- bzw. Fachraums. Gemeinde und Quartier bieten viele außerschulische Lernorte, die es zu nutzen gilt. Was bei Betriebspraktika bereits hier und da bewundernswert gelingt (Der in ein umfassendes Programm eingebettete BoDo der ERS Klarenthal sei genannt. Auch die GeS Neunkirchen und andere führen erfolgreiche Projekte durch.), kann auf andere Felder übertragen werden.

Die Gesamtschulen sind nicht nur eingerichtet worden, um gemeinsames Lernen zu realisieren. Ausgelöst wurde diese Reform von der Feststellung, dass es in Deutschland (BRD) nicht genug Abiturienten gibt und dass auch sonst in dem Schulsystem vieles im Argen liegt (Picht 1964). Die TKM-Gesamtschulen haben zugleich den Anspruch erhoben und eingelöst, dass alle SchülerInnen zu ihrem bestmöglichen Abschluss geführt werden. Das sollte mindestens der mittlere Bildungsabschluss sein. Mehr SchülerInnen als prognostiziert haben die Hochschulreife erworben.

200 Jahre nach Humboldt, 100 Jahre nach Einführung der Grundschule, 40 Jahre nach den Empfehlungen eines Experimentalprogramms mit Gesamtschulen und 12 Jahre nach PISA, Jahr nach der Verfassungsänderung sollte die Hoffnung nicht aufgegeben werden, dass eines Tages eine Schule für alle Kinder und Jugendliche realisiert wird. Die Phase der Gemeinschaftsschule wird nur ein wichtiges Zwischenstadium sein, wie die Gesamtschulen es im Saarland waren und andernorts sind.

Die saarländische Gemeinschaftsschule übernimmt von den Gesamtschulen ein Erbe, das lebendig und einen Anspruch, der wirksam werden sollte im Interesse der Schülerinnen und Schüler und dieses Landes der Bundesrepublik mit demokratischer Verfassung.

Literatur:

Bertelsmanns Stiftung 2012: www.chancen-spiegel.de

Deutscher Bildungsrat 1969: Empfehlungen der Bildungskommission: Einrichtung von Schulversuchen mit Gesamtschulen. Stuttgart

Gemeinnützige Gesellschaft Gesamtschule 1986: Bundeskongress 1986 in Saarbrücken. Aurich

Herrlitz, Hans-Georg und andere 2005: Deutsche Schulgeschichte von 1800 bis zur Gegenwart. Weinheim und München (4. überarbeitete und aktualisierte Auflage)

ders. und Dieter Weiland, Klaus Winkel (Hrsg.) 2003: Die Gesamtschule. Geschichte, internationale Vergleiche, pädagogische Konzepte und politische Perspektiven. Weinheim und München

Hopf, Wulf 2010: Freiheit – Leistung – Ungleichheit. Bildung und soziale Herkunft in Deutschland. Weinheim und München

Picht, Georg 1965: Die deutsche Bildungskatastrophe. München

Schlömerkemper, Jörg und Klaus Winkel 1987: Lernen im Team-Kleingruppen-Modell. Frankfurt/Bern; www.jschloe.de

Winkel, Klaus und Gabi Leinen 1995: Fortbildung im Schulkonzept der saarländischen Gesamtschulen. In: Die Deutsche Schule, 88, S. 214-228

Sander Theodor, Hans-G. Rolff, Gertrud Winkler 1967: Die Demokratische Leistungsschule. Zur Begründung und Beschreibung der differenzierten Gesamtschule. Hannover

Klaus Winkel